4 Jahre sind es nun -
1.461 Tage, 35.064 Stunden (plus), 2.103.840 Minuten (plus), 126.230.400 Sekunden (plus) -
4 Jahre sinnloses Blutvergießen.
Millionen Menschen werden als Kanonenfutter benutzt, sie soll(t)en "dienen" für "ihr" Land, so effektiv wie möglich töten und zerstören, werden/wurden dabei selbst getötet oder verstümmelt, Familien sind auseinandergebrochen, unzählige Kinder sind Waisen, Brüder und Schwestern stehen sich frontal gegenüber...
Die ukrainischen und russischen Traumata werden wohl die nächsten Generationen prägen.
Erich Vad, Brigadegeneral a.D. und ehemaliger militärpolitischer Berater von Angela Merkel, fordert seit Kriegsbeginn in der Ukraine mehr Diplomatie und europäisches Engagement für Frieden. Nun gab er erneut der EMMA zum 4. Jahrestag des Ukrainekrieges ein Interview, geführt von Annika Ross. Daraus:
"...Stichwort: Operationsplan Deutschland."
"Das ist kein Plan, der Deutschland schützt. Das ist ein Plan, wie Deutschland im Rahmen einer NATO-Verteidigung funktionieren soll. Wenn aus diesem Plan Wirklichkeit würde, gingen wir damit in den Untergang...
Es gab zum Beispiel damals diese Wintex-Übungen. Das waren Stabsrahmenübungen der NATO, die das Zusammenspiel zwischen militärischer Verteidigung, Zivil- und Katastrophenschutz im Falle einer nuklearen Eskalation in Europa proben sollten.
Helmut Kohl ist als Kanzler aus einer solchen Übung ausgestiegen und hat gesagt:
"Schluss damit! Das ist für unser Land nicht tragbar."
Auch Helmut Schmidt hat gesagt:
"Das kommt nicht in Frage."..."
Ein paar eigene Gedanken dazu:
4 Jahre permanenter Eskalation
In den ersten Monaten gab es Freiwillige, das waren hauptsächlich die, welche bereits seit 2014 im Krieg waren. Denn in diesem Jahr begann er und er wurde deutlich länger davor schon vorbereitet. Der Großangriff in den Morgenstunden des 24.02.2022 passierte daher eben gerade nicht "überraschend", wie allseits behauptet wurde, gerade auch nicht im luftleeren Raum, sondern im Gegenteil mitten in einem laufenden Krieg. Er war eine Eskalation des laufenden Krieges, in dem bereits über 14.000 Menschen getötet wurden. Es gab auch in den Jahren zuvor diverse Eskalationsstufen, zuletzt z.B. das Dekret zur Rückeroberung der Krim im März 2021 oder auch die totale Gesprächsverweigerung des "Westens" im Dezember 2021.
Eskalation bedeutet das, was auch weiterhin seit 4 Jahren geschieht. Mittlerweile befinden wir uns am Beginn des 3. Weltkrieges, die NATO rüstet ganz offiziell für die nächste (und damit letzte?) Eskalationsstufe. Seit mindestens 12 Jahren (genau genommen deutlich länger) wird eskaliert, Schritt für Schritt, ohne auch nur einmal kurz innezuhalten und vom Ende her zu denken, wie es Erich Vad bereits am 21.04.2022 bei Maybrit Illner vehement kritisierte. Es ging von Beginn an ausschließlich um das Militär, um den Sieg, um Waffen, um Kriegsstrategien und um Kriegshelden - die Diplomatie, die Frage, wie man das beenden könnte, verantwortliche Überlegungen - Menschlichkeit - spielen bis heute keine Rolle. "Aus Europa und auch Deutschland kam rein gar nichts. Die Europäer waren und sind sogar stolz darauf, nicht mit den Russen zu reden", so Erich Vad. Frieden muss herbeigebombt werden, Gespräche über ein Kriegsende kommen nicht in Frage. Im Gegenteil: als Trump damit begann (es geht anscheinend doch?) war die EU (bis auf wenige Ausnahmen) geradezu empört. Und man bleibt dabei, wenn es sein muss auch ohne die USA. Das ist nicht nur katastrophal für die Ukraine, sondern auch für ganz Europa, im schlechtesten Fall für die ganze Welt. Es wird als moralisch bezeichnet, dabei ist es das unmoralischste überhaupt.
Absurdes Theater
Heute werden "Wehrfähige" auf öffentlicher Straße zwangsrekrutiert unter oft massiven Protesten von Augenzeugen und Familienangehörigen. Doch gegen die Staatsmacht ist meist nicht anzukommen. Es gibt unzählige Videos dazu, doch in den Berichten zum Ukrainekrieg werden sie kaum erwähnt. Auch die zahlreichen Vermittlungsvorschläge, Strategien und Konzepte für einen Waffenstillstand und Verhandlungen - von denen bis heute kein einziger aus der EU kam - wurden ignoriert oder mit dem immer gleichen Totschlagargument (das nachweislich keines ist) "mit Putin könne man nicht reden" unterminiert.
Ein Absurdes Theater, sie warten nicht nur auf Godot, "um der Reflexion über die Ursachen der Katastrophe und der damit verbundenen Verantwortung zu entgehen", sie "erfinden... eine Reihe von Unternehmungen, die ihre Denk- und Empathieverweigerung kaschieren..., weichen vorsätzlich der Verantwortung aus..." und verschlimmern die Situation erheblich.
Heribert Prantl erinnerte heute diesbezüglich wiederholt an ein weiteres Theaterstück: "Nie wieder Frieden" von Ernst Toller. Es handelte von der "Lernunfähigkeit der Menschen und erzählt von der Erfahrung, dass es viel leichter ist, Begeisterung für einen Krieg zu wecken, als die Begeisterung für den Frieden zu bewahren... Der Staatschef in dem Stück propagiert Aufrüstung bis hin zur Selbstzerstörung: „Lieber durch eigene Bomben verbrennen als durch feindliche." "
Peter Bürger schrieb dazu:
"Über Nacht haben Militarismus und Kriegsertüchtigung wieder die Kontrolle über das öffentliche Leben übernommen. Noch gestern hatte man den Ewigen Frieden in der Verfassung beurkundet und sich stolz gebrüstet, bei den "Lehren aus der Geschichte" alle anderen zu überflügeln. Doch jetzt bläst dieselbe Fraktion zur Hetze gegen die "Lumpenpazifisten", bringt Militainment zur besten Sendezeit und setzt eine gigantische Aufrüstung der Waffenarsenale ins Werk. Die angestrebte Weltmeisterschaft gilt nunmehr dem Sektor der Totmach-Industrien..."
Mut zum Frieden
Heribert Prantl schrieb: "Das Stück schwankt zwischen Resignation und Hoffnung... Hoffnung ist eine kreative Kraft; sie überlässt die Zukunft nicht den Schwarzmalern, den Katastrophalisierern und den politischen Propheten des Untergangs, die dann darauf ihren Extremismus gründen. Diese kreative Kraft wünsche ich uns und unserer Gesellschaft."
Jeffrey Sachs, University Professor an der Columbia University, veröffentlichte gerade diesen Offenen Brief an den UN-Sicherheitsrat, mit konstruktivem Entwurf einer ausgearbeiteten kurzen Resolution (auch hier zu lesen). Er schreibt am Schluss: "Ich biete demütig einen illustrativen Entwurf einer Resolution an, durch den der UNSC im aktuellen Kontext seine Pflicht erfüllen könnte."
Harald Kujat und Michael von der Schulenburg veröffentlichten gerade einen detaillierten Vorschlag zu Friedensverhandlungen, den sie gemeinsam mit Horst Teltschik, Peter Brandt, Hajo Funke und Johannes Klotz erarbeitet haben. Er enthält präzise Vorschläge zu den Rahmenbedingungen, wie der Lösung territorialer Fragen, zur Rolle der NATO und einer möglichen Neutralität der Ukraine, zu Sicherheitsgarantien, zur künftigen Stärke der ukrainischen Armee sowie zu einem Friedensvertrag und einem Waffenstillstand.
Alexander Neu schrieb heute: "Es bewegt sich was", denn der Widerstand werde größer, gerade nicht nur aus den Reihen "der typischen Verdächtigen" wie der Friedensbewegung. Dabei skizziert er drei aktuell erschienene Bücher von Prof. Johannes Varwick, Jens van Scherpenberg und Patrick Kaczmarczyk, erwähnt die gerade stattgefundene Buchvorstellung Varwicks und hier insbesondere dessen Teilnehmer und die Stellungnahme von Wissenschaftlern mit dem Titel „Rationale Sicherheitspolitik statt Alarmismus“.
Es gibt noch deutlich mehr Beispiele für diese von Prantl erwünschte kreative Kraft. Erich Vad antwortet vor diesem Hintergrund auf die Frage der Hoffnung, dass er nach wie vor durchaus eine Verständigung für möglich hält. Der springende Punkt ist der politische Wille, konstruktive Gespräche wieder aufzunehmen.
Es braucht also v.a. Mut - an den Ideen wird es nicht scheitern.
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